Statt der sonst üblichen Begrüßung ohrfeigt mich die Ärztin mit der Feststellung:
„Oh ha! Sie haben aber zugenommen …!"
Dabei hat sich ihr Blick an meinem Hosenknopf festgefressen, der tapfer an seiner Aufgabe festhält, den Bund geschlossen zu halten. Zwar will ich diese Anmerkung nicht unkommentiert im Raum stehen lassen, doch gerade, als ich tief Luft hole, um meiner Entrüstung die nötige Power verleihen zu können, ergreift der Knopf die Initiative. Er schnellt wie ein Geschoss zielsicher in Frau Doktors mich kritisch musternde Auge.
Die weitere Inaugenscheinnahme meiner Person ist auffällig kurz und sachlich. Nur zum Abschied muss das Knopfopfer mir noch unterjubeln, welche Gefahr von einem gespannten Verhältnis zwischen Taille und Hosenbund ausgehe …
Erfahrungsgemäß ist die Reduktion der Leibesfülle ein Projekt mit größerem Zeitbedarf.
Daher entscheide ich mich tapfer zum Kauf neuer Garderobe.
„Wer hat eigentlich den Begriff aufgebracht "Ich mache mir einen schönen Tag und gehe shoppen?"
Bei mir muss das heißen: Ich mache mir einen schönen Tag oder ich gehe einkaufen.
Und warum?
Weil meine Figur und das vorgegebene Längen-Weite-Verhältnis der gängigen Mode so weit auseinanderliegen wie Planeten auf verschiedenen Umlaufbahnen.
Doch wie auch immer – jetzt komme ich ja nicht mehr drum herum, mich erneut dieser Herausforderung zu stellen, etwas Tragbares zu finden.
In der Hoffnung, in einem Fachgeschäft für Damenoberbekleidung mehr Glück zu haben, als in einem einfachen Kaufhaus, steuere ich auf einen renommierten Laden zu.
Eine an lufttrockene Dauerwurst erinnernde Verkäuferin schießt auf mich zu und taxierte mich, als wolle sie den Wert eines Gebrauchtwagen festlegen.
„Welche Größe,“ fragte sie, „ noch 44 oder schon 46?“
„Das muss ich selbst erst rausfinden,“ gebe ich in gleichem Tonfall zurück.
Mit Rock, Hose und Bluse steuere ich kurz darauf auf die Anprobe zu.
Es ist warm und eng. Meine Klamotten weigern sich hartnäckig, meinen Körper freizugeben. Den Befreiungskampf gewinne ich zwar, sehe aber auch dementsprechend aus.
Wer ist die Frau da, die mich irritiert mit hochrotem Kopf und feuchtglänzendem Gesicht aus dem Spiegel ansieht?
Gut – mit Fantasie und Wohlwollen stellt sich nach ein Wiedererkennungseffekt ein. Jedenfalls oberhalb der Schultern … aber da drunter?
Mein Körper ist nicht mehr der, den ich vom letzten Sommer in Erinnerung habe!
Und dieses Licht in dieser Kabine!
Nicht, dezent und schmeichelnd von oben – nein!
Hell und brutal von allen Seiten!
Sehe aus wie Wellfleisch auf Strumpfsocken.
Die erbarmungslose Offenbarung der Tatsachen lässt mich in einer Art Schockstarre verharren. Da reißt die Lufttrockene den Kabinenvorhang auf.
„Und? Passt was?“
Schlagartig bin ich wieder im Hier und Jetzt – und dort bin ich mit meiner Unzulänglichkeit den Blicken der ganzen Welt preisgegeben.
Mit einem zornigen „Noch nicht!“ reiße ich kraftvoll den Stoff wieder in seine Ausgangslage zurück. Dieser gibt ein herz- und fadenzerreißendes Geräusch von sich und trennt sich von seiner ersten Halteschlaufe.
„Soll ich Ihnen mal Größe 48 bringen?“
Aus Angst, noch einmal entblößt den Blicken mir wildfremder Leute preisgegeben zu sein, konzentriere ich mich einzig und allein darauf, den Vorhang festzuhalten.
Ich bin weder im Stande, zu antworten, noch das zu tun, wofür ich hier in diesem beleuchteten Holzverschlag mit Spiegelwänden stehe.
Doch da höre ich sie schon wieder heranstöckeln – die Lufttrockene. Und, wie erwartet, zerrt sie an der Stoffbahn, um mir weitere Kleidungsstücke hereinzureichen.
Aber nicht mit mir!
Ich gebe alles, um den Vorhang geschlossen zu halten! Doch die Verkäuferin lässt nicht locker. Durch ein beherztes ruckartiges Zerren versucht sie ihrem Ziel näher zu kommen. Dann geht das Duell – gehärtete Fingernägel vs. Kunstfasergewebe – klar und deutlich zu Lasten der roten Kralle, die unter einem Aufschrei ihrer Trägerin resigniert abbricht.
Eine Kanonade derber Schimpferei folgt.
Dann schnellt an der bisher unverteidigten Seite des Vorhangs eine Auswahl weit geschnittener Obergarderobe herein.
„Probieren Sie mal! Irgendwas passt immer…!“
Erst als ich höre, dass sich diese Frau entfernt hat, die meine Tante Hertha in Friesland als „unsensible Verküppersche-Tussi“ betiteln würde, wage ich es, meine Hand von dem Vorhang zu lösen und mich der Anprobe zu widmen.
Zuerst die Teile, die ich selbst mitgebracht habe – aber schnell bestätigt sich wieder einmal der Verdacht, dass die Größenschilder nicht nach Vorgaben der Maße eingenäht wurden, sondern schlichtweg, so wie sie zufällig zur Verfügung gestanden haben.
„Und? Passt was…?“ höre ich schon und das Geräusch hochhackiger Schuhe nähert sich bedrohlich.
„Irgendwas passt immer…,“ schnaufe ich zurück, beeile mich, in eines der weiteren Kleidungsstücke zu kommen, um nur rechtzeitig wieder den Vorhang zu verteidigen zu können.
„Sag ich ja! Irgendwas passt immer….!“
Mit ausgestreckten Armen halte ich den Stoff in seiner Position. Erst als sich wieder die harten Stöckelschuhschritte entfernen, wage ich es, den Reißverschluss zu schließen. Aus dem Spiegel schaut mich jemand mit erhitztem Kopf und Blümchenkleid an und erinnert an einen tomatenroten Luftballon über einer Sommerwiese.
Auf die Anprobe des anderen Modells verzichte ich. Es ist irgendwas, was an eine Abdeckplane für Gartenmöbel erinnert.
So widerwillig meine eigene Garderobe sich vorhin von meinem Körper schälen ließ, so unmöglich ist es nun, wieder hinein zu kommen.
„Und? Passt was…?“
„Irgendwas passt immer….!“
Mensch, geht mir die Frau auf den Geist!
Mit all den unpassenden Textilien an den Bügeln verlasse ich die Kabine und will nur noch raus. Die Lufttrockene, mit gewohnt erhobenem Haupt, trippelt erneut auf mich zu:
„Und?...“
„Nein! Heute ist nicht immer….!“
Ich drücke ihr die Kleiderbügel in die Hand und eile Richtung Ausgang. Kurz vor dem Ziel fällt mein Blick auf ein großes Sortiment feinster Seidenschals.
„Und? Passt …?“ Diese hohe Stimme klingelt mir erneut wie ein Tinnitus in den Ohren – just in dem Moment, als ich einen langen Schal wie eine Krawatte um meinen Hals lege.
„Ja, irgendwas passt immer ….!“
Und ich kann mir ein diabolisches Grinsen nicht verkneifen, als ich daran denke, der „Verküpperschen“ den Schal um den Hals zu legen und ganz sinnig zu zuziehen….